"Heimat ist ein Ort, an dem noch niemand gewesen ist."
(Ernst Bloch, Das Prinzip Hoffnung, 1954-1959)
Exodus bezeichnet im Allgemeinen den "Auszug" einer Menschengruppe aus einem Gebiet; im Besonderen weist der Terminus auf den historischen Kontext des im Alten Testament beschriebenen Auszugs des israelitischen Volkes in die Freiheit. Auf der Flucht aus der ägyptischen Knechtschaft, beseelt von der Hoffnung auf das Gelobte Land. Die bedeutungsschweren Ereignisse werden im Exodus betitelten Zweiten Buch Mose erzählt. Dessen zentrales Thema ist der Bund Gottes mit dem Volk Israel, dem über Moses als Vermittler zwei Steintafeln übergeben werden, die die Zehn Gebote enthalten und eine moralische Orientierung darstellen.
Lea Gramsdorffs künstlerische Auseinandersetzung stellt sich ausgehend vom Thema Exodus der schwierigen Aufgabe, innerhalb des Spannungsfeldes von Bleiben und Gehen, von Heimat und Ungewissheit, einen "Orientierungsversuch" zu unternehmen. Es geht ihr darum, stattgefundenen oder stattfindenden Bewegungen im Raum nachzuspüren; und das Drängen im Menschen besser kennenzulernen; sie versucht das Wagnis, sich dem prekären Verhältnis des Menschen zur Welt zu nähern. "In welche Richtung?"
Lea Gramsdorffs Suche nach "Orientierung" ist mehrschichtig. Ihre Auseinandersetzung mit dem Thema kombiniert biographische Elemente mit historischen Assoziationen in einer sehr persönlichen Weise. Dabei bedient sie sich unterschiedlicher Materialien: die zufällig in ihren Besitz gelangte Ölfarbe "Warmgrau", dessen Farbeffekt ins Braun-Staubige geht; die mit kalttönigem, weiß-bläulichem Lack grundierten, quadratischen Leinwände; die Seiten einer protestantischen Bibel aus dem 19. Jahrhundert, die sie schon als Kind aus der Bibliothek ihres Onkels "entwendete" und seitdem mit sich führt; feines, glänzendes Blattsilber. Dazu eine ausgesprochene Liebe zu Zahlen und Kodizes sowie die Einfühlung in diejenigen, die auswandern: "Was nimmst du mit?" ist die Frage des großen Triptychons.
Ihr starkes Interesse an der hebräischen Kultur verbindet sich mit einer diffuseren Sensibilität für das Schicksal des jüdischen Volkes und ist vermischt mit einer seit der Kindheit schwelenden Empfindung von anteilnehmender Mitschuld an den grauenvollen Ereignissen während des Dritten Reiches. Auch das in der eigenen Biographie dominierende Empfinden von fehlenden Wurzeln fließt mit ein: Es prägte bereits die Kindheit, die Lea als Tochter, deutscher, nach Italien ausgewanderter Eltern in Mailand verbrachte.
In einem vielschichtigen Prozess durchziehen unterschiedliche Komponenten die Auseinandersetzung mit dem Thema: Diese sind gleichzeitig Bedingung und Spiegel des Prozesses selbst und führen bewusst oder auch halbbewusst zu vielfältigen Bedeutungsdimensionen. Exodus hieß das Schiff, das 1947 jüdische Flüchtlinge nach Palästina bringen sollte. Denselben Titel trägt der Roman von Leon Uris, der 1958 erschien und 1960 mit Paul Newman in der Hauptrolle von Otto Preminger verfilmt wurde.